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Mein Traum Sommerkleid oder: Hitzgwandl 2.0

Ich habe mich bei diesem Kleid einerseits von meiner Lieblings Epoche – den 50er Jahren – und dem Hitzgwandl* inspirieren lassen. Das Hitzgwandl war ein Alltagskleid und wurde bei großer Hitze getragen. Es hatte oft einen gezogenen Brustfleck, also Raffungen über der Brust. Ich habe das Ganze jedoch mit einem Corsageteil unterlegt, habe Stahlfedern eingearbeitet und so für rundherum perfekten Halt gesorgt.

Die im Rücken gekreuzten Träger versprechen Halt, bringen meiner Meinung nach aber auch diesen Charme eines leichten Sommerkleides. Aus dem typischerweise gezogenem Rockteil habe ich einen gezogenen Tellerrock gemacht. Eine Crinolborte, die ich unten im Saum eingearbeitet habe bringt Stand und 50er Jahre Touch.

Aber nun zum Making Of :

Ich habe zuerst eine Corsage aus weißem, relativ festem Baumwollstoff genäht, das wurde dann auch das Futter. Klar, dass ich das nach Müller und Sohn Schnittsystem selbst gezeichnet habe. Ich bin aber auch der Meinung, dass man hier auf ein gut sitzendes Schnittmuster zurück greifen kann. Ich habe hier gute Erfahrungen mit Burda gemacht.

Dann ging das Tüfteln los ( und das machte so unglaublich viel Spaß! !!): zuerst wurde die Unterbrust markiert und so für vorne ein neues Schnitteil für den Oberstoff ermittelt. Dabei sollte man wirklich nicht zu knapp an der Unterbrust landen sondern noch so ca 1-2 cm weiter unten, sonst könnte es zu knapp wirken.

Die Raffungen an der Brust habe ich an der Puppe vorgenommen: ich habe zuerst ein Stoffstück, das doppelt so breit war wie die Schnittteile der Brust, gezogen und dann Schritt für Schritt so aufgesteckt, bis ich zufrieden war. Dabei habe ich zuerst oben die Kante fixiert (direkt am Futter festgesteckt und dann, dem Verlauf der Ausschnittkante folgend, geheftet – aber noch nicht am Futter festheften!) und dann bei der Unterbrust. Das ging mir leichter von Hand als ich zuerst die Nahtzugabe der unteren Schnittteile umbog, das Ganze feststeckte (auf der Puppe) und dann an der Maschine neben sozusagen im nicht vorhandenen Nahtschatten mit großer Stichlänge “heftete”. Ich denke, die folgenden Fotos können das verdeutlichen:

Im nächsten Schritt habe ich die Miederstäbe eingearbeitet. Mein Mann hat sie auf die richtige Länge gekürzt und ich konnte sie dann gleich einnähen. Ich hätte vorgehabt, fertiges Schrägband zu verwenden, jedoch wäre das zu breit und meines Erachtens zu instabil gewesen. Ich habe dann eine alte Wäscheborte genommen, eigentlich war das glaub ich Gummiband, aber kaum elastisch und es hatte die richtige Breite.

Dann hab ich die Schnitteile des Oberstoffes gesteppt und noch einmal an der Puppe über den Futterstoff gelegt. Dann hab ich an der Ausschnittkante Oberstoff und Futter in der Nahtzugabe zusammen genäht ( ich hab das unten auch gemacht, musste ich dann aber wieder trennen, haha).

Die Ausschnittkante habe ich mit Schrägband aus dem Oberstoff eingefasst. Ich nähe dabei immer erst das Schrägband von rechts mit der Nähmaschine an und von innen dann von Hand. Ich finde, das ist die schönste und sauberste Verarbeitung, vor allem weil mein Geschick offenbar nicht reicht, dass das immer schön gerade ist, wenn ich mit der Maschine alles in einem Rutsch durchsteppe.

Dann wurde der Tellerrock konstruiert und angesetzt. Ich bin von meiner 1,5 fachen Bundweite ausgegangen (erst wollte ich die doppelte nehmen, aber das ging sich leider von der Stoffmenge her nicht aus). Auch musste ich den Saum mittels Schrägband versäubern, weil ich sonst zu wenig Stoff gehabt hätte. Aber das ist mir bei Tellerröcken ohnehin lieber, weil sich runde Rocksäume ja sonst fälteln. Und ich hab wie bereits erwähnt eine Crinolborte eingenäht (wer es nicht kennt : das ist eine aus Plastikfäden im schrägen Fadenlauf gewobene Borte, die für Stand sorgt).

Als der Rock angesetzt war, habe ich den Reißverschluss eingesetzt, danach konnte ich innen das Futter von Hand einnähen – ich mag das. Wenn ich schon so viel Arbeit und Zeit in ein Kleidungsstück investiere, dann soll es auch innen gut verarbeitet sein. Schließlich soll es nicht gut aussehen, OBWOHL es handgenäht ist, sondern WEIL es handgenäht ist.

Schlußendlich fehlten nur mehr die Träger, welche ich natürlich auch von Hand annähte, damit man keine Naht außen sieht.

Ich bin superglücklich mit dem Kleid und freue mich schon, wenn ich es erstmals tragen kann. Und weil es zufällig noch in der Bewerbungsfrist für den Burdastyle Talent Bewerb fertig geworden ist, werde ich auch damit teilnehmen – bitte vote für mich!

*Ich habe mich viele Jahre lang intensiv mit österreichischer Tracht beschäftigt und so ziemlich alles dazu gelesen, was ich in die Finger bekam. Gerade durch den aktuellen Hype um Trachten wird einiges wieder belebt, was mich freut. Tracht ist Mode, und auch wenn man über Geschmack nicht streiten kann und es mehr als fragwürdig meiner Ansicht nach ist, wie authentisch österreichische Tracht ist, die in Fernost gefertigt wurde oder aus billigem Polyester Stoff ist, so muss man dennoch positiv bewerten, dass das Interesse und viel wichtiger die Begeisterung für unsere landestypische Kleidung gestiegen ist.

Ich könnte ja jetzt seitenweise darüber schreiben, ob es wen interessiert, ist die andere Sache. Was mich jedoch bisher verwundert hat, dass niemand das Hitzgwandl mehr zu kennen scheint. Es kann daran liegen, dass Tracht heutzutage nur zu besonderen Anlässen getragen wird, wo das Hitzgwandl als Alltagskleid einfach nicht passend wäre.

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